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Nischen

Begrenzung ist gut, wenn es darum geht, etwas ganz Konkretes zu erreichen.

Ich bin ja einer, der immer wieder vehement für ein Weiten des Blickfeldes eintritt, für das Abstrahieren vom Speziellen, fürs Erkennen genereller Muster. Auch hier im ABC.

Und so mag es wie ein Widerspruch klingen, wenn ich nun den Zeigefinger schwinge und der am prasselnden Lagerfeuer versammelten Runde ans Herz lege, die Nischen nicht zu verachten. – Es ist kein Widerspruch. Vor allem nicht, weil wir Nischen nicht erkennen und einschätzen können, wenn uns der Blick fürs Ganze fehlt.

Ich selbst neige durchaus auch dazu – leider immer wieder aufs Neue – zu groß zu denken und zu planen und mich regelmäßig zu verheben. Zum Glück immer auf meine eigenen Kosten.

Dann geht es beispielsweise darum, ein jQuery-Plugin zu bauen oder eine Angular-Komponente, und mir fallen immer neue Dinge ein, die ich konfigurierbar, flexibel und erweiterbar machen kann, wo ich noch weiter abstrahieren kann und so weiter. Da schmiede ich dann plötzlich wieder am Einen Ring, obwohl der im konkreten Fall nicht auch nur ansatzweise benötigt wird.

Ein anderes Mal versenke ich viel (eigenes!) Geld in ein Produkt, das vielleicht auf dem deutschen Markt bei einem ganz bestimmten Publikum funktioniert hätte, bei dem ich mir aber die theoretische Möglichkeit der internationalen Vermarktung nicht verbauen wollte und daher gleich von Anfang an für ein imaginiertes internationales und englischsprechendes Publikum handelte.

Ich weiß, dass ich damit nicht allein stehe. Ich erlebe immer wieder, dass Lösungen von vornherein viel zu groß geplant werden, viel zu allgemein, viel zu mächtig. Das passiert im Kleinen wie im Großen. Manchmal führt es nur zu Enttäuschung und vertanen Mühen, manchmal wird auch ordentlich Geld verbrannt.

Was ist da los?

Oft genug ist ganz einfach der sportliche Ehrgeiz zu groß: der Gedanke, über das Notwendige hinauszugehen und etwas Epochales (© Klaus Kinski) zu schaffen statt nur etwas Gutes, hat oft einen schier unwiderstehlichen Reiz. In anderen Fällen wiederum überschätzt man die eigenen Kräfte oder eine Nachfrage oder man unterschätzt die Rahmenbedingungen und die realen Hindernisse.

Ich habe auch schon (mehrfach) erlebt, dass wir Webmenschen in unserem Gefühl der Allmacht vergessen, dass die Menschen, für die wir etwas bauen, keine hilf- und ahnungslosen Mündel sind. Wir schießen dann gerne übers Ziel hinaus und versuchen, aus einer App, die meinetwegen Architekten eine ganz praktische Vereinfachung eines häufigen Vorgangs bieten soll, eine Art Lebenshilfe-Software zu machen, die den Benutzern in alles »hineinhilft«. Wir vergessen dabei, dass Architekten schon große Jungs und Mädchen sind und solch eine Art von Hilfe gar nicht haben wollen.

Begrenzung ist gut, wenn es darum geht, etwas ganz Konkretes zu erreichen. Begrenzung im Sinne von klaren Definitionen der Inhalte und Ziele, nicht im Sinne eines begrenztem Horizonts.

Das gilt für Produktideen: Services, Apps, ein Buch, eine neue Bar oder ein Restaurant. Und es gilt explizit auch für die ganz konkrete Projektarbeit von Entwicklern und Designern: Das große Ganze im Blick haben, aber nicht versuchen, immer fürs große Ganze zu entwickeln! Als Entwickler ist es nicht nur legitim, sondern notwendig, sich immer wieder zu fragen, welchen Grad von Allgemeingültigkeit und Flexibilität eine Komponente tatsächlich realistisch braucht.

Zumindest wenn das Ganze ein echter Kunde bezahlt.

von Andreas Dölling